lasting embers

Jörg Gelbke

26.10 – 12.01

Vor dem Hintergrund einer sich immer schneller um sich selbst drehenden Kunstwelt, die nahezu im Wochenrhythmus die allerneuesten Trends propagiert um morgen schon wieder die Großartigkeit von etwas noch Neuerem zu preisen, mutet die Langsamkeit und Beharrlichkeit, die der Arbeit von Jörg Gelbke zu eigen ist, seltsam anachronistisch an. Das mag zum einen daran liegen, dass sich der Künstler schon während des Studiums vornehmlich für traditionelle Verfahren der Gusstechnik interessierte, die bis heute die Prozesse der Herstellung seiner Arbeit prägen. Zum anderen spielt die Zeitlichkeit der Abläufe, die zu den skulpturalen Ergebnissen hinführen, eine entscheidende Rolle für das Konstituieren ihrer Bedeutung.

Wie George Didi-Hubermann in seinem Buch „Ähnlichkeit und Berührung“ ausführt, hafteten dem Gussverfahren in der neueren Kunstgeschichte lange zwei vermeintliche Makel an. Zum einen produziere die Gusstechnik nichts Originelles, da sie im Wesentlichen auf dem blinden Abdruck von bereits Existierendem beruhe und zum anderen können die auf dem Abgussverfahren basierenden Formen auch noch beliebig in identischer Form wiederholt werden, um so das Ideal des Originals noch weiter auszuhöhlen. Jörg Gelbke macht in seiner Arbeit beide vermeintlichen Makel der Tradition auf überraschende Weise produktiv. Für die Arbeit „Ohne Titel“ (2014) nahm er beispielsweise drei verschieden Abdrücke eines banalen Objektes – einer gefundenen, auf das Maß von 187 cm zurecht geschnittene Eisenstange. Der Tonabdruck wird luftgetrocknet und dabei rissig, die Gelatineabformung wird über einen längeren Zeitraum im Boden vergraben und ihrer teilweisen Zersetzung ausgesetzt, während ein Bronzeabguss der Eisenstange nach der Herstellung übermäßiger Hitze ausgesetzt wird, die ihn unkontrollierbar verformt. Als Ergebnis dieser Prozesse – sowohl der Tonabdruck als auch die Gelatineabformung wurden ebenfalls in Bronze abgegossen – sehen wir drei auf demselben Objekt basierende, sich in ihren Merkmalen aber stark voneinander unterscheidende Bronzestangen, die lapidar an den Wänden des Ausstellungsraumes angelehnt sind.

Einem vergleichbaren Verfahren entspringen drei zu einem Objekt von seltsam anmutender Monumentalität zusammengeschweißte Eisenabgüsse einer gefundenen Baumwurzel („Uprooted Object“, 2015), für die drei PU-Schaumabformungen in der Erde vergraben und schließlich in Eisen abgegossen wurden. Indem es Gelbke gelingt seinen Skulpturen eine Zeitlichkeit – hier vielleicht besser Dauer – einzuschreiben und die Prozesse ihres Werdens in den Mittelpunkt zu rücken, formuliert er gleichsam einen unauflösbaren Widerspruch innerhalb des Mediums selbst, das ja eigentlich auf Unmittelbarkeit und Berührung beruht.

Dass man das künstlerische Projekt von Jörg Gelbke bei aller konzeptuellen Präzision auch in seiner poetisch-romantischen Dimension würdigen kann, zeigt sich klar in der Arbeit „Ohne Titel“ (2012). Hier wurde das Innere eines selbst gebauten Ofens nach der Verhüttung von 15 kg Kupfer mit Wachs ausgegossen, so dass ein materialträchtiges Denkmal für einen Prozess entsteht. Immer wieder sucht Gelbke in seiner Kunst das, was eigentlich nicht zu haben ist, nämlich dem Unabgeschlossenen und dem Werden eine dauerhafte Form zu verleihen. Dass uns die Resultate dieses notwendigen Scheiterns sowohl intellektuell als auch emotional zu berühren verstehen, bezeugt ihre bildhauerische Qualität.

 

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Against the background of an art world whirling ever more rapidly around itself and propagating the absolutely newest trends in an almost weekly rhythm, only to praise tomorrow the grandness of something even newer, the slowness and tenacity that is inherent in Jörg Gelbke’s work seems strangely anachronistic. This may be due partly to the fact that, during his studies, the artist’s primary interest was in the traditional processes of casting technique, which still characterize the processes of creating his work to this day. Second, the temporality of the procedures that lead to the sculptural results plays a decisive role in constituting their meaning.

As George Didi-Hubermann elucidates in his book “Ähnlichkeit und Berührung” (“similarity and touching”), in recent art history, casting procedures bore the stigmata of two supposed defects. First, casting produces nothing original, since it is based essentially on the blind impression made by something that already exists; and second, the forms created by casting can be reproduced in identical form as desired, thereby further eroding the idea of the original.

In his work, Jörg Gelbke made both of the tradition’s supposed defects productive in a surprising way. For the work “Ohne Titel” (untitled, 2014), for example, he made three different castings of a banal object – a found iron bar cut to the length of 187 cm. The clay impression is dried in the air, thereby developing cracks; the gelatin casting is buried underground for a long period and exposed to partial decay, while a bronze casting of the iron bar was exposed to extreme heat after it was made, which distorted its shape uncontrollably. As a result of this process – the clay mold and the gelatin mold were both also cast in bronze – we see three bronze bars all based on the same object, but exhibiting different characteristics and leaning laconically against the walls of the exhibition room.

A similar procedure is the origin of three iron castings of a found tree root welded together in a single object of strange-seeming monumentality (“Uprooted Object”, 2015); three polyurethane foam molds were buried in the earth and used to cast iron. Gelbke manages to inscribe his sculptures with a temporality – or perhaps we should say duration – and to put the process of their becoming in focus; he thereby formulates something like an indissoluble contradiction within the medium itself, which, after all, is actually based on immediacy and touching.

The work “Ohne Titel” (untitled, 2012) clearly reveals that it is possible to acknowledge the poetic-romantic dimension of Jörg Gelbke’s artistic project, despite all its conceptual precision. Here, the interior of a homemade oven was cast in wax after smelting 15 kg of copper, creating a material-oriented monument to a process. In his art, Gelbke repeatedly seeks what can’t really be had, namely to give lasting form to what is incomplete and to becoming. The fact that the results of this unavoidable failure are able to move us both intellectually and emotionally testifies to their sculptural quality.