A Silent Conversation

21.02 – 28.03

Daniel Marzona is pleased to present an exhibition with current works by the artists Vajiko Chachkhiani and Reijiro Wada in the Galerie Rolando Anselmi.

The idea for this exhibition arose when thinking about possible strategies of processualism in contemporary sculpture. The works of Wada and Chachkhiani initially seem to mark two opposite conceptual and substantive poles in this field. While the one deals more with abstract ideas and brings them to view in flawlessly beautiful objects, the reflection of the other seems to be always tied to very concrete events, personal encounters, or psychological dispositions. If a group of strictly geometrical wax sculptures (The Other Life) by Chachkhiani thus has its starting point in the protracted development of a trusting relationship with someone imprisoned for a serious crime, or if a short film of his (Life Track) would not have been possible without countless visits to a hospice in Berlin, Wada, on the other hand, works in almost a vacuum of pure ideas, whether he works with questions and philosophical sketches concerning transience or with extremely abstracted concepts of landscape depiction.

What unites the two artists, however, is an increased interest in keeping the form and meaning of their sculptural work open. For the pictorial works in his Vanitas series, Wada places two or more brass plates at a flat angle to each other that makes it possible for fruits thrown with great force into the construction to remain there until they decompose. Once the process of rotting is complete, Wada dismantles the arrangement; hangs the plates in, for example, a diptych on the wall; and leaves the ultimately random traces of this measure on the plates for viewing. For a series of seemingly minimalist wax sculptures, Chachkhiani exchanged a group of objects with a prisoner and placed what he received within his wax works. Accompanying the objects are precise instructions for rearranging the sculpture if the object is ever opened and the object enclosed in it is removed, which the artist regards as definitely possible and a valid way of dealing with the work. Preceding and subsequent processes thus often play an essential role for deciphering or mystifying the meaning of both artists’ work.The wall object with the simple title Mittag (midday) shows the high degree of abstraction of Wada’s approach. Wada filled cognac between two glass plates in a square brass frame. Standing on its tip and affixed to the wall, the level of the cognac within the frame is at precisely the height of the object’s outer corners. What we see is thus apparently meant as the horizon line seen at the time when the sun is highest and the shadows shortest – a gaze at the landscape cannot be abstracted more sparely and yet succinctly. But even this seemingly precise object proves to be open to the uncontrolled unfolding of processes. Evaporations condense on the inner sides of the glass plates, depending on the room temperature, as if hinting at an interior climate of the depicted landscape.

For different reasons, Wada’s and Chachkhiani’s seeming proximity to the minimalist tradition proves chimerical. For both go in different ways beyond what their usually quite simple objects provide to see. The one usually uses narrative strategies to this end, while the other seeks to transcend objecthood in philosophical heights. That the two approaches prove open to the widest variety of and sometimes to contradictory interpretations may be regarded as an indication of the quality and complexity of Chachkhiani’s and Wada’s process-oriented sculptural work.

Vajiko Chachkhiani (born 1985 in Tbilisi, Georgia) lives and works in Tbilisi. His work was presented at Georgian Pavilion at the 57thVenice Biennale in (2017). In recent years his work has been shown internationally, with solo exhibitions including at the Bundeskunsthalle Bonn (2018) and Art Basel Unlimited (2019). Reijiro Wada (born 1977 in Hiroshima, Japan) lives and works in Berlin.  After a solo exhibition at Capsule, Tokyo (2017) his work has been shown at the Tbilisi Architecture Biennial 2018.

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Daniel Marzona freut sich, eine Ausstellung mit aktuellen Arbeiten der Künstler Vajiko Chachkhiani und Reijiro Wada in der Galerie Rolando Anselmi zu präsentieren.

Die Idee zu dieser Ausstellung entsprang einem Nachdenken über mögliche Strategien des Prozesshaften in der zeitgenössischen Skulptur. Die Arbeiten von Wada und Chachkhiani scheinen in diesem Feld konzeptionell und inhaltlich zunächst zwei entgegengesetzte Pole zu markieren. Während der eine sich mit eher abstrakten Ideen auseinandersetzt und diese in makellos schönen Objekten zur Anschauung bringt, scheint die Reflektion des anderen immer an ganz konkrete Ereignisse, persönliche Begegnungen oder psychische Dispositionen gebunden. Wenn eine Gruppe streng geometrischer Wachsskulpturen (The Other Life) von Chachkhiani also ihren Ausgangspunkt in dem langwierigen Aufbau einer vertrauensvollen Beziehung zu einem schwerkriminellen Gefangenen nimmt oder ein kurzer Film (Life Track) nicht ohne zahllose Besuche in einem Berliner Hospiz möglich gewesen wäre, arbeitet Wada in einem eher luftleeren Raum der reinen Ideen, sei es, dass er sich mit Fragen und philosophischen Entwürfen zur Vergänglichkeit oder stark abstrahierten Konzepten der Landschaftsdarstellung beschäftigt.

Was beide Künstler jedoch eint, ist ein verstärktes Interesse an einem Offenhalten der Form und Bedeutung ihrer skulpturalen Arbeit. Für die Bildwerke aus seiner Vanitas-Serie ordnet Wada zwei oder mehr Messingplatten in einem flachen Winkel zueinander an, der es erlaubt, dass die mit Wucht in die Konstruktion geworfenen Früchte bis zu ihrer Verwesung an ihrem Ort verharren. Ist der Prozess der Verrottung abgeschlossen, löst Wada die Anordnung auf und hängt die Platten beispielsweise zu einem Diptychon geordnet an die Wand und stellt die letztlich zufällig auf den Bildträgern verbliebenen Spuren seiner Aktion zur Disposition. Für eine Serie von vermeintlich minimalistischen Wachsskulpturen hat Chachkhiani eine Gruppe von Objekten mit einem Gefangenen getauscht und diese dann in seine Wachsarbeiten eingelassen. Den Objekten beigegeben ist eine präzise Instruktion für die Neuanordnung der Skulptur, sollte das Objekt je geöffnet und der in ihm verschlossene Gegenstand entnommen werden, was vom Künstler als durchaus möglicher und gültiger Umgang mit dem Werk betrachtet wird. Vor- oder nachgängige Prozesse spielen also im Werk beider Künstler nicht selten eine wesentliche Rolle für die Entschlüsselung bzw. Verrätselung ihrer Bedeutung.

Auf welch hohem Abstraktionsniveau sich der Ansatz von Wada bewegt, mag das Wandobjekt mit dem schlichten Titel Mittag verdeutlichen. Zwischen zwei Glasplatten in einem quadratischen Messingrahmen hat Wada Cognac eingefüllt. Auf die Spitze gestellt und an der Wand angebracht liegt die Füllhöhe im Rahmen exakt auf Höhe der äußeren Ecken des Objekts. Was wir sehen, ist also offenbar als Horizontlinie gemeint, die uns zu dem Zeitpunkt erscheint, an dem die Sonne am Höchsten steht und die Schatten am Kürzesten sind – sparsamer und doch prägnanter lässt sich ein Blick auf die Landschaft nicht abstrahieren. Doch selbst dieses vermeintlich präzise Objekt erweist sich gegenüber unkontrolliert ablaufenden Prozessen als offen. Je nach Raumtemperatur kommt es zu Ausdunstungen, die sich auf den Innenseiten der Glasplatten niederschlagen und gleichsam eine Art Binnenklima der Landschaftsdarstellung andeuten. Aus unterschiedlichen Gründen erweist sich eine vermeintliche Nähe zur minimalistischen Tradition von Wada und Chachkhiani als Chimäre. Denn beide gehen auf verschiedene Weise über dasjenige, was ihre zumeist recht einfachen Objekte zu sehen geben, hinaus. Der eine benutzt dazu zumeist narrative Strategien während der andere das Objekthafte in philosophischen Höhen zu transzendieren sucht. Dass sich beide Ansätze unterschiedlichsten und manchmal sogar gegenläufigen Interpretationen gegenüber als offen erweisen, mag als Indiz für die Qualität und Vielschichtigkeit der prozess-orientierten, skulpturalen Arbeit von Chachkhiani und Wada gelten.

Vajiko Chachkhiani (geb. 1985 in Tiflis, Georgien) lebt und arbeitet in Tbilisi. Bei der 57. Vendig  Biennale 2017 bespielte er den Georgischen Pavillon. In den letzten Jahren waren seine Arbeiten in einer Reihe von internationalen Ausstellungen zu sehen, darunter Einzelpräsentationen in der Bundeskunsthalle Bonn (2018) und bei der Art Basel Unlimited 2019. Reijiro Wada (geb. 1977 in Hiroshima, Japan) lebt und arbeitet in Berlin. Nach der Einzelausstellung in der Capsule Tokyo (2017) waren seine Arbeiten unter anderem bei der Architektur Biennale in Tiflis (2018) zu sehen.